Perlen der Redaktion: Chris Schantzen hat genug von 2025
10.01.2026 | 17:04Auch wenn die Welt zugrunde geht, hatte 2025 doch zumindest ein paar persönliche Highlights. Und 'nen Wels.
2025 – was für ein Jahr. In den USA höhlt der orangene Möchtegernkönig mit Schmackes die älteste Demokratie der Welt aus, Elon Musk macht im Ketaminrausch den Hitlergruß und im Louvre herrscht Selbstbedienungsmentalität. Putin führt seinen sinnlosen Angriffskrieg auf die Ukraine fort, in Palästina werden vom DISTURBED-Sänger signierte Bomben auf Krankenhäuser geworfen und China zündelt vor Taiwan rum. In Venezuela kommen Erinnerungen an das CIA-Gebaren aus den Zeiten Ronald Reagans hoch, im Sudan gibt es ein Massaker und nen neuen Papst haben wir jetzt auch.
Und in Deutschland liegt eine rechtsextreme Partei in den Umfragen vorne (INSA-Sonntagsfrage, Stand 23.12.2025), während der neue Bundeskanzler sich despektierlich über südamerikanische und afrikanische Gastgeber äußert und sich zu sehr fragwürdigen Aussagen zum Stadtbild herablässt. Da war man ja fast schon dankbar, dass zumindest für ein paar Tage ein Wels im Zentrum der Aufmerksamkeit stand und kurzzeitig von der bevorstehenden KI-Distopie abgelenkt hat.
Genau diese KI ist leider auch ein großes Thema, wenn man auf die Musik in 2025 blickt. Während Spotify KI-"Bands" in die Playlisten pusht und sich so neben der Ausbeutung von menschlichen Künstlerinnen und Künstlern und Investitionen in Rüstungskonzerne ein drittes Standbein aufbaut, schafft es mit 'Walk My Way' erstmals KI-Slop an die Spitze der Billboard Country Charts – ich wage an dieser Stelle mal die, nicht sehr gewagte, Prognose, dass es nicht der letzte gewesen sein wird.
An der Spitze meiner eigenen Charts steht zum Glück noch hausgemachte Musik. ARCH ENEMY holt sich mit riesigem Abstand nicht nur den Titel meines Albums des Jahres 2025, die Songs von "Blood Dynasty" schaffen es auch ausnahmslos alle in meine 100 meistgehörten Songs des Jahres – wenn man da YouTube Music glauben darf. Kein Wunder also, dass es gleich fünf davon auch in meine besten Songs des Jahres geschafft haben.
Dank meines Interviews mit Mastermind Michael Amott durfte ich bereits früher als die meisten in "Blood Dynasty" reinhören, und die Scheibe hatte mich vom ersten Tag an gepackt. ARCH ENEMY hat es einfach geschafft, genau den richtigen Nerv zu treffen, so dass das Album übers komplette Jahr hinweg nie aus meinen Playlisten verschwunden ist. Somit war von Anfang an klar, wer in diesem Rückblick meinen ersten Platz belegen würde und ich bin mit sicher, dass mich die Platte auch noch weit in 2026 und darüber hinaus begleiten wird. Umso spannender wird es für mich dann übrigens auch zu verfolgen sein, mit welcher Sängerin oder welchem Sänger die Death-Metal-Ikone zukünftig auftreten wird.
Die Album-Platzierungen ab dem zweiten Platz sind wiederum nicht ganz so festgelegt, da kann es je nach Tagesform locker fünf Plätze hoch oder runter gehen. Eine "honorable mention" gibt es an dieser Stelle für den Soundtrack zum Videospiel "Clair Obscur: Expedition 33" – mein übergreifendes Highlight in Sachen Kultur im Jahr 2025. Beim Rest springe ich munter durch die Genres und drifte zum Teil auch richtig in die Popmusik ab. HAYLEY WILLIAMS sticht da besonders hervor, während ich HALFLIVES und AMY MACDONALD durchaus noch in der Rock-Ecke verortet bekomme. Bei THREE DAY GRACE und CHEVELLE sind die Platzierungen in meinen Highlights auch einfach der Freude über neues Material geschuldet - vor allem erstere könnten in ein paar Monaten durchaus ein paar Plätze abgerutscht sein in der Liste.
Keine Überraschungen sind die hohen Platzierungen von - mittlerweile - alten Hasen wie JINJER, KILLSWITCH ENGAGE oder HALESTORM, während ich LACUNA COIL eigentlich höher erwartet hätte. Hier haben unter anderem auch die Live-Auftritte für einen leichten Dämpfer in der Begeisterung gesorgt. Positiv überrascht wurde ich wiederum von ANNISOKAY. Ich hätte nicht gedacht, dass mir deren Album so gut gefallen würde, nachdem ich sie in 2024 als Supportband entdeckt habe. I PREVAIL verdankt den 14. Platz wiederum nur der Hälfte des Albums. Eine EP mit einer Selektion der Songs hätte es locker in the Top Five geschafft.
Auffallend ist bei meinem Jahresrückblick, dass 2025 zwar eine Reihe guter Alben zu bieten hatte, ich mich jedoch diesmal sehr schwer damit getan habe, einzelne Songs herauszupicken, die es geschafft hätten, übers Jahr hinweg im Kopf zu bleiben. Größtenteils sind hier die gleichen Bands vertreten, was natürlich nicht weiter verwundert. Dazu kommen nur THE PRETTY RECKLESS mit 'For I Am Death' und MACHINE HEAD mit 'Bønescraper'. Den ersten Platz hat sich hier auch ARCH ENEMY geschnappt – und zwar mit dem mehr als untypischen 'Vivre Libre'. Leider wird sich mein Wunsch, diesen Song mal aus zehntausenden Kehlen auf einem Festival gesungen zu hören, wohl nicht erfüllen nach der Trennung zwischen Alissa White-Gluz und der Band.
Umso schöner, dass ich die Band dieses Jahr nochmal live sehen konnte, was auch eines meiner Live-Highlights für 2025 darstellt. Den Top-Spot auf der Bühne hat sich aber erwartbar MACHINE HEAD geschnappt. Die Show von Rob Flinn und seinen Mannen auf dem "Summer Breeze Open Air" war einsame Spitze. Dies freut mich umso mehr, als dass das aktuelle Album von MACHINE HEAD, "Unatøned", meine Album-Enttäuschung 2025 ist. Nicht, weil das Album besonders schlecht wäre, aber ich hatte mir soviel mehr erwartet und erhofft...
Mitgerissen haben mich live auch meine Freunde von INFECTED RAIN, wo ich mich jetzt bereits auf die Tour im Frühling und das neue Album freue, und APRIL ART. Der Tourabschluss von APRIL ART war auch mein persönlicher Shootingabschluss für 2025 und Lisa-Marie und der Rest der Band haben nochmal gezeigt, wie geile Stimmung geht. HALFLIVES war ein weiteres Live-Highlight und selbstverständlich TBS. Die Mannheimer sind nicht nur für absurd-spaßige Shows zu haben, sondern haben mir auch gezeigt, wie ein Interview komplett aus dem Ruder laufen kann – auf die beste Art und Weise.
Apropos Shootingabschluss: 227 Shows durfte ich dieses Jahr fotografieren. Darunter absolute Schwergewichte wie AC/DC, die SCORPIONS oder BRING ME THE HORIZON, aber auch meine Newcomer des Jahres, SEVEN BLOOD und LUNA KILLS. Ich habe mich vor den Main Stages von "Rock im Park" und dem "Summer Breeze" rumgetrieben, war beim "M’era Luna" und "Nova Rock". Vom Olympiastadion in Berlin über Kellerkneipen in Wien bis zum altehrwürdigen "Logo" in Hamburg. War zweimal mit der WWE-Legende Mark Henry auf Tour und hab mir mit Alissa White-Gluz in einem Hinterhof beim Shooting den Hintern abgefroren. Hab mit Thekla Tequila getrunken und mit Sadie Gibbs London unsicher gemacht.
Ich muss aber auch sagen, dass das ständige Rumhängen in Fotogräben, Tourbussen und Backstagebereichen der ganzen Sache ziemlich den Zauber genommen hat. Zwar habe ich sehr wohl eine ganze Reihe tolle Menschen kennengelernt und neue Beziehungen und Freundschaften geknüpft, oft waren Konzertbesuche aber auch sehr einsame Erfahrungen. Der innere Trieb, doch noch die eine Show mehr mitzunehmen, sei es, weil sie gute Bilder verspricht, man auf gewinnbringende Kontakte hofft, die sich eventuell ergeben, oder weil man schlichtweg dafür angefragt wird, hat dazu geführt, dass ich die meisten Auftritte, die ich sehen durfte, schlichtweg nicht genießen konnte.
Ich bin mir natürlich absolut bewusst, dass ich in Zeiten, in denen Konzertpreise immer weiter steigen, Hoodies am Merch schon mal 120€ kosten (looking at you, PAPA ROACH) und das verfügbare Einkommen Konzertbesuche für viele zu einem seltenen Luxusgut macht, in einer sehr priviligierten Lage bin.
Aber viele Konzerte drehten sich am Ende des Tages nur um die ersten drei Songs und darum, möglichst gute Bilder zu bekommen, um ja den Algorithmus meines Instagram-Kanals am Laufen zu halten. Bei einer Vielzahl der Headliner hab ich nach wenigen Songs meinen Kamerarucksack genommen und mich auf den Heimweg gemacht. Erst zum Jahresende hin bin ich etwas vom Gas gegangen, habe die Anzahl an Shows reduziert und mir Konzerte wieder bewusster angeschaut. Mitentscheidend hierfür sind natürlich auch die Leute, mit denen ich teilweise auf diesen Konzerten war. Auf jeden Fall habe ich mir für 2026 vorgenommen, deutlich weniger Shows zu besuchen - zumindest solche, wo ich nicht für gebucht werde. Dieser Erkenntnisgewinn ist immerhin auch ein kleiner persönlicher Fortschritt.
Vielleicht war 2025 ja doch nicht alles schlecht.
| Rang | Band | Album |
| 1. | ARCH ENEMY | Blood Dynasty |
| 2. | THREE DAYS GRACE | Alienation |
| 3. | ANNISOKAY | Abyss – The Final Chapter |
| 4. | JINJER | Duél |
| 5. | KILLSWITCH ENGAGE | This Consequence |
| 6. | LANDMVRKS | The Darkest Place I've Ever Been |
| 7. | HALESTORM | Everest |
| 8. | ARCHITECTS | The Sky, The Earth & All Between |
| 9. | HALFLIVES | How Much A Heart Can Take Before It Breaks |
| 10. | SEVEN BLOOD | Life Is Just A Phase |
| 11. | SPIRITBOX | Tsunami Sea |
| 12. | AMY MACDONALD | Is This What You've Been Waiting For? |
| 13. | A DAY TO REMEMBER | Big Ole Album Vol. 1 |
| 14. | I PREVAIL | Violent Nature |
| 15. | LUNA KILLS | Deathmatch |
| 16. | HAYLEY WILLIAMS | Ego Death At A Bachelorette Party |
| 17. | LACUNA COIL | Sleepless Empire |
| 18. | BLEED FROM WITHIN | Zenith |
| 19. | ORBIT CULTURE | Death Above Life |
| 20. | CHEVELLE | Bright As Blasphemy |
Bildcredits:
Im Fotograben bei BIFFY CLYRO bei "Rock im Park": Melina Thomassen
Nach dem Interview mit Leo von FROG LEAP auf der Bühne: Zesschen
Im Fotograben bei IMMINENCE: Farbenfuchs
- Redakteur:
- Chris Schantzen





