Perlen der Redaktion: Holger Andraes Highlights 2025
05.02.2026 | 21:11Wie schon in den letzten Jahren habe ich hier ein paar besonders lieb gewonnene Tonträger zusammengetragen, auf die ich nochmals gesondert hinweisen möchte. Viel Vergnügen!
Das abgelaufene Jahr war auch aus musikalischer Sicht eher seltsam. Das "auch" muss ich wohl nicht weiter erklären, oder? An dieser Stelle beschränke ich mich in meinem Rückblick also ausschließlich auf die Musik und da komme ich zu dem ernüchternden Ergebnis, dass es weitaus weniger Aha-Momente gab als im Jahr 2024, sodass meine Hörliste eine sehr klare Konzentration auf alte Bekannte und die bereits bestehende kleine Sammlung ausweist. Trotzdem gab es natürlich Scheiben aus 2025, die ich sehr töfte fand und finde.
Wer meine Artikel hier ein bisschen aufmerksam verfolgt hat, wird sich Rang eins sicherlich denken können. Als Freund altmodischer Bay-Area-Thrash-Klänge kann die Pole Position aus Sicht meiner Ohren nur an "Addicted To Power" von NEFARIOUS SF gehen. Die Band, bestehend aus Doug Piercy, Rick Hunolt, Tom Gears, Will Carroll und Katon DePena, liefert ein ultra-spritziges Album ab, welches jedem Freund von gitarrendominiertem Thrash das Wasser in den Ohren zusammen laufen lassen wird. Wer den Erstauftritt der Band im Netz gesehen hat, wird festgestellt haben, dass diese unfassbare Energie und Spielfreude auch auf einer Bühne funktioniert. Auch wenn Katon schon nicht mehr am Start ist, beweist die Neuaufnahme mit Sean Rivers von den tollen COFFIN HUNTERS am Mikro, dass es ähnlich erstklassig weitergehen wird. Konzerte in der alten Welt sind für 2026 angesetzt. Das wird ein Fest!
Auf dem zweiten Rang gibt es für mich eine riesengroße Überraschung, denn auch wenn ich die Band Ende der 80er/Anfang der 90er wirklich toll fand, habe ich nicht mit so einem Knaller-Reunion-Album gerechnet. Wobei der Begriff Reunion nach gut 10 Jahren erneuter Aktivität auf dem Livesektor etwas seltsam anmutet. Anyway, die Rede ist selbstverständlich von "Dissonance Theory", dem neuen Album von CORONER. Das Trio setzt da an, wo es 1991 mit "Mental Vortex" in eine andere Richtung gewandert ist. "Grin" von 1993 lasse ich hier ganz bewusst außen vor, denn mit diesem furztrockenen Groove-Monster werde ich bis heute nicht richtig warm. Meine Befürchtungen, man würde dort anknüpfen sind zum Glück komplett unbegründet, denn auf "Dissonance Theory" regiert der schwarz-bunte Techno-Thrash der Frühzeit. Wobei man heuer deutlich intensiver und druckvoller vorgeht, ohne den technischen Aspekt zu vergessen. Man hört sofort, wer hier den Hammer kreisen lässt und die Mischung aus VOIVOD und CELTIC FROST lässt unwillkürlich Skelette vor dem geistigen Auge tanzen. Hier musste natürlich die dicke Variante geerntet werden, denn das "Death Cult"-Demo endlich auf CD zu haben, ist ein absolutes Muss!
Auf dem dritten Rang kommt dann ein einheimisches Gewächs. Die Band FIRMAMENT aus Leipzig serviert mit ihrem zweiten Album "For Centuries Alive" eine Großfamilie an Ohrwürmern, wie ich es lange nicht erlebt habe. Hatte ich die junge Bande bislang nicht auf dem Radar, so ist dieses Album bei mir eingeschlagen wie eine Bombe. Frischer Heavy Rock, der, in altmodischer Version dargeboten, dabei zu jeder Sekunde wunderbar erfrischend klingt und vor allem kompositorisch die Monster-Harpune an Widerhaken abschießt. Dabei ist es völlig gleich, welchen Song man anspielt, immer kommt gutgelaunte Euphorie aus den Boxen! Hier bin ich tatsächlich mehr als gespannt auf die Entwicklung dieser Band. Ganz, ganz toll!
Es folgt, was folgen muss: Der neue Longplayer von PAGAN ALTAR. "Never Quite Dead" beschreibt schon im Titel wunderbar, worum es hier geht. Es ist das erste Album ohne Terry Jones, was im Vorfeld vielleicht für besorgte Ohren gesorgt hat, aber es zeigt auch den dauerhaften Status dieser Ausnahmeband. Sicherlich den langen Pause-Phasen geschuldet, fristen die Briten seit ihrer Gründung im Jahr 1978 ein Dasein im tiefsten Kauz-Universum. Ur-Gitarrist Alan Jones gebührt dabei natürlich ein Sonderapplaus für seine Standhaftigkeit, niemals die musikalische Vision anzupassen, und somit bekommen wir auf dem neuen Album auch genau das geboten, was wir alle von dieser Ausnahmeband hören möchten, auch wenn die Eröffnungsnummer "Saints And Sinners" überraschend eingängig ist. Ich mag aber auch diesen Song sehr gern, zeigt er doch die Vielfältigkeit innerhalb der selbst gebauten Nische. Kauz-Begeisterte werden aber spätestens beim epischen "Kismet" mit allen Ohren wackeln.
Größer könnte der Stilbruch wohl kaum sein, denn nun folgt das neue Werk der australischen Truppe PRESS CLUB, die ja in bestimmten Kreisen sehr angesagt ist. Das Konzert in Hamburg war so voll, dass wir nicht hineinkamen. Da war wohl der Veranstalter selbst überrascht von dem Status der Band. Ich hatte ja bereits den Vorgänger "Endless Motion" unter meinen Perlen 2022 und verstehe heute kaum noch, weshalb die Scheibe nicht deutlich höher gelandet ist. Denn eigentlich ist die noch besser als der aktuelle Silberling "To All The Ones That I Love", da die Band um Powerfrontfrau Natalie Agnes Joy Foster ein bisschen den Punk zu Gunsten von mehr Rock vernachlässigt hat. Die Mischung ist aber noch immer hochexplosiv, und wer bei 'Vacate' nicht bestgelaunt mit 200 Sachen über die Autobahn hustet, der ist wohl Fußgänger.
Das nächste Album ist quasi von Nulle auf Hundert in meine Liste geknallt. Auch hier ist das Debüt komplett an mir vorbeigerauscht, während ich bei "Forbidden Morals" schon beim ersten Anhören mit Maulsperre und ekstatisch kopfschüttelnd unterm Kopfhörer saß. VOID aus Louisiana: Das ist herrlich verspielter, manchmal an selige FORBIDDEN-Tage erinnernder Thrash mit hochmelodischen Momenten, der auch vor ruhigen und langsamen Momenten nicht zurückschreckt. Ein Album voller Glückshormone, welches auch beim x-ten Durchlauf noch Details und Überraschungen preisgibt.
Von den ganz flinken Sachen zu etwas gemäßigteren Tönen: Endlich kann sich AVATARIUM wieder in meiner Liste einnisten. Nachdem ich aus unterschiedlichen Gründen die beiden Vorgänger nur gut, aber nicht sensationell fand, ist "Between You, God, The Devil And The Dead" wieder vollends gelungen. Natürlich ist der Gesang von Jennie-Ann Smith erneut einer der vielen Gründe, bei diesem Art-Prog-Doom gerne hinzuhören, aber dieses Mal sind einfach auch die Melodien wieder zum Dahinschmelzen. Ich empfehle vor allem das melancholisch-melodische Titelstück. Wenn der ohrensichere Kollege Thunderlaan hier von erstklassigem Singer/Songwriter-Blues-Doom schreibt, darf man dies schon glauben. Sensationell!
Auch für den nächsten Platz bleibt es verträumt, denn es geht um das neue Album meiner spät entdeckten Dinosaurier-Liebe JETHRO TULL. Ja, der Flötenschlumpf spielt noch immer! Und wie! "Curious Ruminant" ist ein wunderbares Folk-Rock-Album, auf welchem nicht einmal der längste Song 'Drink From The Same Well' mit über 14 Minuten Spielzeit der beste Song ist. Für mich heißt dieser 'Stygian Hand' und sollte nach einem Antesten zum Kaufanreiz ausreichen.
Zurück in härtere Gefilde. Das vierte Album von meinen Lieblingen SANHEDRIN "Heat Lightning" ist ein erneuter Ohrenschmaus, wenn man unverschnörkelten und unverfälschten Heavy Rock hören möchte. Der rotzig-kraftvolle Gesang von Bassistin Erica geht noch immer sofort unter die Haut und Gitarrist Jeremy Sosville versteht es noch immer, effektiv und mitreißend zu spielen. Wie die ersten drei Alben der Band gilt auch hier: All Killers, no fillers. Obwohl, 'Above The Law' hat einen ziemlich seltsamen Chorus. Aber das ist Nörgeln auf hohem Niveau.
Nochmal folgt eine Band, die bereits in alten Perlen-Listen von mir in Erscheinung trat: DUN RINGILL, dieses schwedische Doom-Geschwader versteht es, auch mit dem zweiten Teil von "Where The Old Gods Play" komplett zu überzeugen. Leider aber noch immer nicht auf breiterer Masse, obwohl man im Vorprogramm des neuen Meme-Helden Bobby Liebling auf Tour war. Mir kann es ja egal sein, denn dieser kraftvolle Doom ist so mitreißend, dass ich jedes Mal wild trommelnd auf den Schreibtisch klöppele, wenn ich das Teil beim Schreiben höre. Bombe!
Nach Doom folgt Thrash. Das war doch ein Gesetz? Nicht? Okay, bei mir schon und so gibt es mit den kanadischen Urviechern von SACRIFICE eine handfeste Überraschung. Ich fand die Band ja bisher immer nur gut, aber "Volume Six" haut mich jedes Mal aus den Latschen. Was für eine brachiale Urgewalt von diesen Songs ausgeht! Obendrein ist man auch nicht stumpf unterwegs und hat als letzten Himbeerhappen auch noch eine herrlich druckvolle, aber gleichzeitig transparente Produktion gewählt. Hier spritzen die Riffs, hier gurgelt der Bass, hier donnert das Schlagzeug. Alles richtig gemacht!
Nach JETHRO TULL gibt es mit STYX die nächsten älteren Semester. Da mich "Crash Of The Crown" schon völlig begeistern konnte, war ich auf "Circling From Above" sehr gespannt. Auch wenn ich noch nicht ganz so begeistert bin wie beim kraftvollen und teils düsteren Vorgänger, so ist doch auch dieses Album wieder ein Quell allerbester Musik-Unterhaltung. Dieses Mal geht man etwas sanfter vor, was ich aber als gern genommene Abwechslung sehe. Die "Bella Ciao"-Anleihen sind wohl nicht zufällig, denn als musikalische Partisanen darf man STYX gern betrachten. Aber auch 'Forgive' oder 'King Of Love' und 'Everybody Raise A Glass' gehören in jeden gut sortierten Haushalt.
Das nächste Album hatte es dann überraschend schwer, denn ich bin mit allerhöchsten Erwartungen an die ersten Umdrehungen herangegangen, da der Künstler zu meinen Herzangelegenheiten der Neuzeit zählt. Die Rede ist von DAVID JUDSON CLEMMONS, dem Kopf hinter DAMN THE MACHINE und dem Wundermusiker von MINISTER OF ANGER und MURDERCAR. Dies sind die alten Heldentaten. In der jüngeren Vergangenheit ist er mit JUD und seinem Solo-Projekt immer aktiver, und das Konzert in Hamburg zählt zu meinen liebsten Live-Erinnerungen des abgelaufenen Jahres. Von daher konnte ich überhaupt nicht verstehen, weshalb das aktuelle Album "Everything A War" nicht zünden wollte. Immer wieder unterzog ich es weiteren Analysen unterm Kopfhörer, ohne den erwünschten Erfolg. Erst im November traf es mich wie ein emotionaler Donnerschlag, und der Song 'Truce' lief in beinahe endloser Schleife. Darauf aufbauend entwickelte sich eine Dezember-Liebe zu dem gesamten Album. Hätte es eher "Klick" gemacht, wäre es wohl höher in der Liste gelandet. Sucht-Faktor!
Ebenfalls spät in die Liste gerutscht, weil es einfach keine Zeit gab, das Album frühzeitig ausgiebig zu hören, ist die Wundertüte von MAUSOLEUM GATE mit dem wunderhübschen Titel "Space, Rituals And Magick" Der Begriff Wundertüte kommt in diesem Fall nicht von ungefähr, denn die hanfüberzogenen Tasten sorgen im spacigen Sound der Band schon für angenehm wohlige Gedanken. Der Titel ist Programm und das ist auch gut so. So entsteht ein völlig einzigartiger Klang-Kosmos, in den ich sehr gern abtauche. Fantastisches Album!
Wie auch das folgende, wenngleich dieses komplett anders gestrickt ist. Die Damen und Herren von TOWER machen nämlich gradlinigen Heavy Rock mit der Energie eines Chili Con Carne. Das habe ich Dussel auch erst nach einer livehaftigen Begutohrung festgestellt, seither glaube ich aber diese unbändige Energie auch auf den Konserven hören zu können. Somit landet "Let There Be Dark" folgerichtig auch in meiner Perlenschatulle.

Erneut anders und doch ähnlich ist die Musik auf meinem Platz 16. Das bereits fünfte Album der internationalen Musikvereinigung namens THEM, die ursprünglich mal sehr deutlich in die Leder-Sandaletten eines gewissen KING DIAMOND gestiegen war. Heute ist die Musik eher angenehm eigenständig, lediglich das Storytelling erinnert noch an die Frühwerke. Wie bereits in der Gruppentherapie geschrieben, gibt es hier technisch hoch versierten Techno-Thrash mit einer gehörigen Portion Melodie.
Und mit dem Begriff Melodie habe ich auch die Brücke zum wohl melodischsten Album meiner Liste. Michael Schenker und seine Gruppe MSG hat mit "Don't Sell Your Soul" einen wirklich erstklassigen Happen Ohrwürmer abgeliefert. Sicherlich mag das dem einen oder anderen wahlweise zu altmodisch, zu einfach oder zu soft klingen, ich gehe beim warmen Sound von Onkel Schenker jedenfalls meist ziemlich steil, begleitet er mich doch seit dem sensationellen "One Night At Budokan"-Doppel-Live-Album. Für mich bis heute eines der besten Livedokumente aller Zeiten. Trotz Gary Barden, ihr Unwissenden. So habe ich auf jeden Fall mit diesem kurzweiligen Album sehr viel Freude.
Es folgt ein Album, welches nicht nur auf unseren Seiten, kübelweise mit Superlativen ausgestattet wurde. "The World Outside" von CEA SERIN ist aber auch ein extrem spannendes Werk, welches nicht nur musikalisch die komplette Bandbreite des modernen Progs abdeckt. Auch textlich finden wir hier einen extrem tiefgehenden Seelenstriptease von Mainman Jay Lamm, der fast alles im Alleingang gebastelt hat. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, denn es lohnt sich, intensiv in dieses Album abzutauchen.
Die vorletzte Nennung ist ebenfalls ein Ein-Mann-Projekt. Remi A. Nygård von INCULTER hat unter dem Banner MORAX mit "The Amulet" ein formidables Heavy-Rock-Album gebastelt, welches düster, aber auch mitreißend klingt. Die schön gurgelnden Gitarren ebnen den akustischen Weg in eine rauchgeschwängerte Mini-Konzerthalle. Alles klingt sehr direkt und echt, roh und unpoliert. Was gibt es daran nicht zu mögen?

Dieselbe Frage kann ich auch bei meiner letzten Nennung stellen, denn auch das bereits vierte Album von PATRIARCHS IN BLACK namens "Home" versteht es erneut mit seiner Vielseitigkeit zu überzeugen. Das liegt natürlich auf der einen Seite an der Vielzahl der Sänger, aber auch an der immer abwechslungsreicheren Instrumentierung. So gibt es dieses Mal mehr Violine, und auch weitere Streicher kommen zum Einsatz. So entstehen teils leicht psychedelische, teils sehr bluesige Hard-Rock-Nummern, die allesamt gefallen. Kein Wunder, denn wenn Dan Lorenzo in die Saiten greift, weiß ich eines ungehört im Vorfeld: Der Gitarren-Ton ist zum Niederkien.
| Rang | Band | Album |
| 01. | NEFARIOUS | Addicted To Power |
| 02. | CORONER | Dissonance Theory |
| 03. | FIRMAMENT | For Centuries Alive |
| 04. | PAGAN ALTAR | Never Quite Dead |
| 05. | PRESS CLUB | To All The Ones That I Love |
| 06. | VOID | Forbidden Morals |
| 07. | AVATARIUM | Between You, God, the Devil And The Dead |
| 08. | JETHRO TULL | Curious Ruminant |
| 09. | SANHEDRIN | Heat Lightning |
| 10. | DUN RINGILL | 150-Where The Old Gods Play Pt.2 |
| 11. | SACRIFICE | Volume Six |
| 12. | STYX | Circling From Above |
| 13. | DAVID JUDSON CLEMMONS | Everything A War |
| 14. | MAUSIOLEUM GATE | Space, Rituals And Magick |
| 15. | TOWER | Let There Be Dark |
| 16. | THEM | Psychedelic Enigma |
| 17. | MSG | Don't Sell Your Soul |
| 18. | CEA SERIN | The World Outside |
| 19. | MORAX | The Amulet |
| 20. | PATRIARCHS IN BLACK | Home |
- Redakteur:
- Holger Andrae





