Perlen der Redaktion: Thomas Beckers Highlights

07.01.2026 | 20:53

Die besten Konzerte, Alben und Gruppentherapien 2025.

Ei der Daus, ich habe schon seit 2020 keinen Perlenartikel mehr verfasst. Mit einer der Gründe dafür ist, dass sich meine Hörzeit in den letzten Jahren viel stärker auf alte Musik aus den 70er und 80er Jahren gelegt hat und nur noch sehr wenige aktuelle Alben in die Dauerschleife geraten. Als Hauptverantwortlicher für die Gruppentherapien komme ich aber nicht ganz um aktuelles Zeug herum und das eine oder andere hat sich dann auch verfangen. Deshalb ist mein Jahresrückblick in der Kategorie "Alben" auch ein Stück weit ein persönliches Gruppentherapien-Best-Of. Ein paar Scheiben außerhalb dieses beliebten Formats haben es aber dann doch in meine  zugegebenermaßen sehr volatile  Top20-Liste geschafft. Einige davon auf den letzten Drücker, auch dank unserer eifrigen Forenbewohner. Die ersten Zehn dieser Liste möchte ich hier etwas ausführlicher erläutern.

 

Auf den ersten Platz kommt ein Album, das einfach zur richtigen Zeit die richtige Musik geliefert hat. Die Wärme, das Einfühlungsvermögen, diese perfekte Balance aus geradeaus nach vorne rocken und innehalten auf "Never Quite Dead" von PAGAN ALTAR hat mir in einem Moment großen Halt gegeben, als ich es brauchte. Und auch heute wird es mir bei Tracks wie 'Liston Church' oder 'Kismet' warm ums Herz. Und dann 'The Dead's Last March'. Danke für diese absolut unter die Haut gehende Musik! Hier geht es zur Gruppentherapie.

Das meistgehörte Album ist "Never Quite Dead" aber nicht. Es ist "Make Metal Royal Again" von HAMMER KING. Ich sehe schon einige Augen rollen, aber zumindest von Hanne sollte ich auch ein Herzchen bekommen. Klar, manche Lyrics sind an der Grenze zur Komplettverdoofung, aber hey, HAMMER KING hat mir immer ein absolut positives Gefühl in einem persönluch sehr durchwachsenen Jahr gegeben. Ich glaube, ein großer Teil der Metalfans sieht das ähnlich und möchte einfach abschalten vom immer beängstigender werdenen Alltag in den Nachrichten, deswegen strömen sie zu SABATON, POWERWOLF, BATTLE BEAST oder eben HAMMER KING. Ich bin der Letzte, der das nicht verstehen könnte. Übrigens, ohne den Gruppentherapie-Beitrag meines Kollegen Lenze hätte ich wahrscheinlich niemals genauer in das Album hineingehört und wohl ganz schön was verpasst, haha!

Ohne Gruppentherapien hätte ich auch kaum in ein neues CORONER-Album gelauscht, denn diese Band war noch nie so meins gewesen. Aber was auf "Dissonance Theory" passiert, ist einfach sensationell abwechslungsreich, dazu modern ohne das oft dazugehörende Bollerwerk, und trotzdem absolut an die Wand drückend. Hier bin ich erst am Anfang der Entdeckungsreise. Zur Gruppentherapie bitte hier klicken.

Auf Platz vier wird es mit WYTCH HAZEL wieder warm und unmodern. Die Musik auf "V: Lamentations" (zur Gruppentherapie) hat ein ähnliches Flair wie PAGAN ALTAR, ist aber insgesamt etwas leichtfüßiger wie etwa bei 'Run The Race'. Nach wie vor empfinde ich solche Retrosounds als sehr angenehm im Ohr sitzend, wird man im Alter doch immer anfälliger für solche Soundoverkills wie beispielsweise auf dem aktuellen TESTAMENT-Album.

Eine besondere Freude ist es mir, hier auf Platz fünf ein neues Album von PAATOS zu präsentieren. Dass es ein solches gibt, ist mir bis vor ein paar Tagen verborgen geblieben, doch ich habe dieses Jahr das 2011er-Album "Breathing" wieder rausgezogen, und seitdem läuft dieses  klangliche Wunderpaket wieder regelmäßig. Ein paar Spins von "Ligament" verraten mir, dass das Comeback anscheinend aus ähnlichem Holz geschnitzt ist, es pendelt zwischen atemlosen Electojazz-Trips und unter die Haut gehenden Dark-Pop-Nummern, immer getragen von Petronella Nettermalms kräftiger wie elfengleicher Stimme, die manchmal an BJÖRK erinnert.

Auch auf Platz sechs platziert sich eine mir sehr am Herzen liegende Dame, nämlich Gina Bafile aka DARKYRA BLACK. In ihre beiden Alben aus den Jahren 2014 und 2015 bin ich noch immer schockverliebt und gerade die Atmosphäre des Debüts "Dragon Tears" finde ich in der Musikwelt einzigartig, ein Kunstwerk zwischen Gothic, Symphonic und Progressive Metal.

Leider hat ihre Gesundheit ihr damals einen Strich durch die Pläne einer Europatour gemacht, und ich dachte, dass DARKYRA BLACK für immer begraben wäre. So trifft mich der Freudenschlag, als meine Onlinesuche nach verpassten 2025er-Alben "Life Force" einer gewissen DARKYRA ausspuckt. Was ein Weihnachtsgeschenk!

Ich habe das Album zwar bislang nur ein paarmal gehört und ich bin mir nicht sicher, wie gut es wirklich ist, aber allein diese Stimme mit dem einmaligen Vibrato wieder zu hören, ist eine Top-Ten-Platzierung wert, der Song 'Celebrity Smile' schafft es auf Anhieb in meine Liste mit den Topsongs.

Von eher abstruser Liebhabermucke, die eh kaum einer kennt, geht es für Platz sieben zu den allseits beliebten Hamburger Kürbisköppen von HELLOWEEN, die mit "Giants & Monsters" einmal mehr ein sehr hörenswertes Album vorgelegt haben und einen schönen Querschnitt aller Spielarten zwischen Melodic Speed Metal und Hard Rock anbieten, pathetische Balladen wie 'Into The Sun' eingeschlossen (zur Gruppentherapie). So will ich das!

Wir bleiben für den nächsten Platz in Deutschland, orientieren uns aber Richtung Osten und zwar zu WUCAN. Die ersten beiden WUCAN-CDs "Sow The Wind" und "Reap The Storm" rangieren nach wie vor sehr weit oben auf meiner Gunstliste, auch live ist die Band immer eine Bank. Ich habe allerdings ein wenig den Anschluss verloren, was ich mit dem neuen Album aber ändern will. Album ist bestellt, Hörproben klingen toll und ich bin mir sicher, das wird mir noch einen Tick besser gefallen als die folgenden Plätze, von daher von null auf acht für "Axioms"

Nur Platz neun für KATATONIA? Nun, für mich war die Band zwischen "Last Fair Deal Gone Down" und "Dead End Kings" das Nonplusultra zwischen Düsterrock und modernem Prog, danach wurde es mir ein wenig zu redundant. Das ändert sich auch auf "Nightmares As Extensions Of The Waking State" nicht. Ich frage mich, ob ich es erstaunlich oder eher bezeichnend finde, dass man Blakkheims Fehlen gar nicht wirklich bemerkt. Am Ende ist aber immer noch Renkse da und hinter ihm eine sehr kompetente Band, die auch auf dem neuen Album wieder sehr gute Momente hat. Das reicht heuer für Top Ten! Gruppentherapie? Na klaro!

Ein Vorbild für frühe KATATONIA war PARADISE LOST, und die Veteranen gefallen mir mit den letzten beiden Alben "The Plague Within" und vor allem "Obsidian" besser als die KATAs. "Ascension" (zur Gruppentherapie) ist stark an seine Vorgänger angelehnt und weiß in seiner Gesamtheit zu gefallen, auch wenn der ganz große Push auf meine Ohren noch nicht stattgefunden hat. Das kann aber vielleicht noch kommen, denn live kamen die neuen Stücke ganz hervorragend aus den Boxen. Jetzt ist aber KATATONIA wieder ein My vorne.

Last but not least möchte ich hier noch AVATARIUM aufzählen. Erstens, um die Frauenquote aufzuwerten (weniger als 50% ist für eine Becker'sche Liste beschämend!), zweitens, um die durchgehend hohe Qualität der AVATARIUM-Veröffentlichungen zu würdigen und drittens: Nun, 'My Hair Is On Fire' von "Between You, God, The Devil And The Dead" ist einer der besten Songs des Jahres. In der Art des Evergreens 'Pearls And Coffins', aber mit mehr Doom-Schmackes hintenraus und einer absolut gänsepellenden Jennie-Ann Smith. Solche Momente fehlen mir ein wenig bei den anderen (immer noch sehr guten) Stücken, weshalb es diesmal nicht für die Top10 reicht. Ach ja, es gibt noch ein viertens, und zwar die Gruppentherapie.

Die Plätze hinter Platz 11 rekrutieren sich dann aus Alben, die ich ebenso wie PAATOS noch kurz vor knapp angetestet habe ("The Spin" von MESSA, den herrlich warmen Retro-Rock von PHANTOM SPELL oder die YEAR OF THE GOAT), oder Gruppentherapie-Alben, die nach dem Verfassen des Artikels aus verschiedenen Gründen doch noch mal im Player (oder in der Playlist) landeten. Die Alben von ELUVEITIE oder MACHINE HEAD beispielsweise liefen doch recht häufig und haben ein paar Hits, ohne mich nun restlos zu überzeugen.

 

Wichtiger noch als neue Musik waren mir auch anno 2025 wieder die Konzerte. Zwar gab es diesmal kein Festival, aber ein paar Trips zu großen Konzerten vermittelten ein ähnliches Feeling. Daneben gab es auch eine Reihe cooler Clubshows zu bewundern.

Das denkwürdigste Konzert des Jahres fand im Wiener Ernst-Happel-Stadion statt. Und das war GUNS 'N' ROSES. Ich weiß, das Netz verbreitet nichts als Häme über Axl Rose' Gesangsleistung, und wir hatten vor dem Konzert auch echt Schiss vor einer kompletten Pleite. Aber You-Tube-Videos sind dann doch etwas anderes als selbst dabei zu sein. Und die Gunners hatten von all unseren Konzerten bei Weitem den besten Sound. Dazu kommt der Aspekt, endlich zum ersten Mal überhaupt eine Band zu sehen, deren Hits mein Leben von Teenager-Tagen bis heute begleitet haben. 'November Rain', 'Sweet Child O'Mine', 'Nighttrain', 'Estranged' und viele mehr, diese Lieder sind einfach unkaputtbar. Und dann zu hören, wie sich Axl durch den Set bewegt, bei allen Problemen, deren er sich einfach bewusst sein muss (ich kann mir nicht vorstellen, dass nicht), macht diesen Abend denkwürdig. Heutzutage kann man Technik verwenden, die Stimmprobleme überdeckt. Man könnte den Gesang verfälschen, in den Hintergrund mischen, leiser machen. All dies ist nicht geschehen. Axl war nackt, so wie er ist, ungeschönt. Und davon bin ich noch immer schwer beeindruckt. Am Ende empfand ich das alles auch gar nicht so schlimm, wie einige Mitschnitte suggerieren. Ich denke, ein Großteil des Publikums war sehr dankbar für einen dreieinhalb-stündigen Ritt durch alle Gunners-Klassiker mit ein paar gelungenen Deep Cuts. Selbst die Songs der viel geschmähten "Chinese Democracy" haben mir sehr gut gefallen.

 

JUDAS PRIEST ist für mich live auch immer bombig, aber die diesjährigen Gigs im Zeichen von "Painkiller" zeigten die Band besonders agil, und auch Rob hat mir besser gefallen als im Jahr zuvor. Songs wie 'Hell Patrol' oder 'Night Crawler' wurden sehr energetisch und mitreißend dargeboten. JUDAS PRIEST wird auch 2026 wieder Pflicht sein!

 

Der beste "kleine" Gig wurde für mich von den vier Schwedinnen MAIDAVALE dargeboten. Mini-Bühne, erste Reihe, hinter mir rappelvoll, tolle Stimmung, ganz wunderbare psychedelische Rockmusik mit Pep fürs Tanzbein, ganz famos!

 

Auf dem Papier auf Rang eins wäre ja unangefochten IRON MAIDEN mit einer unschlagbaren Klassiker-Setliste. Wir haben das in Madrid gesehen und mit einem schönen Kurzurlaub verbunden. Aber leider hat ein schlechter Sound die Euphorie gebremst. Dabei hatten wir eine wirklich gute Position. Endlich 'The Clairvoyant' live zu erleben und ein Maßstäbe setzendes Lichtspektakel hieven das Konzert aber noch auf Platz vier.

 

 

Vor 15-20 Jahren wäre ich ja schon bei der Ankündigung eines SAVATAGE-Konzerts völlig ausgerastet. Heute bin ich hier reservierter rangegangen, bis ein paar völlig euphorische Berichte vor dem München-Gig dann doch die Erwartungen stark nach oben schnellen ließen. Und ja, es war toll, aber dann doch nicht so toll. Ich empfand die Band als sehr professionell, aber auch etwas kalt agierend. Dabei liegen mir sehr viele SAVA-Songs, die hier gespielt wurden noch mehr am Herzen als die der Gunners oder MAIDEN-Klassiker. Aber ich hatte nie die Gäsehaut wie beim GUNS 'N' ROSES-Gig, obwohl Zak Stevens der meilenweit bessere Sänger ist. Komisch, oder?

 

Was gab es noch an Glanzlichtern? Nun, SAXON war eine Bank wie immer, W.A.S.P.s Hitparade vom Debütalbum erste Sahne, die FLOTZIs zündeten im kleinen Club Speed-Granaten, PARADISE LOST bot einen sehr schönen Querschnitt über fast alle Alben, und ich freute mich insbesondere über 'Nothing Sacred' von "Host", und das Paket MAJESTICA/DOMINUM/BATTLE BEAST zeigte mir sehr schön, warum die aktuelle Interpretation des Power Metals zu Recht so beliebt ist. Im Nachhinein war es sogar großes Glück, BATTLE BEAST noch einmal mit der beeindruckenden Noora Louhimo zu sehen.

 

Am Schluss will ich noch zwei Konzerte erwähnen, die so viel besser in Erinnerung bleiben würden, wenn es nicht so abartig laut gewesen wäre. Dass ausgerechnet die Southern Rocker MOLLY HATCHET und die Altmeister URIAH HEEP auf ihrer Abschiedstour so aufdrehen würden, hätte ich nie erwartet. 'July Morning' hat mich aber trotzdem wieder begeistert. Ob ich den Song je wieder live hören werde?


So, ihr Lieben, das war's von mir. Auf die Kategorie "Newcomer" muss ich aus Unkenntnis eines solchen ebenso verzichten wie auf die "Enttäuschung". Konzerte mit schlechtem oder zu lautem Sound sind enttäuschend genug. Und bei den von mir genannten Alben find ich das Cover von DARKYRAs "Life Force" am ansprechendsten.

Fotocredits: Andre Schnittker (JUDAS PRIEST, vom Konzert in München 2024), Thomas Becker (MAIDAVALE, vom Konzert in München 2025), Michael Vogt (SAVATAGE, vom Konzert in München 2025) und Nives Ivic (BATTLE BEAST, vom Konzert in München 2025).

 

Die Rangliste (Alben):

Rang Band Album
1. PAGAN ALTAR Never Quite Dead
2. HAMMER KING Make Metal Royal Again
3. CORONER Dissonance Theory
4. WYTCH HAZEL V: Lamentations
5. PAATOS Ligament
6. DARKYRA Life Force
7. HELLOWEEN Giants & Monsters
8. WUCAN Axioms
9. KATATONIA Nightmares As Extensions Of The Waking State
10. PARADISE LOST Ascension
11. AVATARIUM Between You, God, Devil And The Dead
12. PHANTOM SPELL Heather & Hearth
13. MESSA The Spin
14. YEAR OF THE GOAT Trivia Goddess
15. ELUVEITIE Anv
16. FINGER ELEVEN Last Night On Earth
17. MACHINE HEAD Unatoned
18. GHOST Skeleta
19. SKUNK ANANSIE The Painful Truth
20. SARAYASIGN Shadows Of The Dying Light

Redakteur:
Thomas Becker

Login

Neu registrieren